Benjamin SchwalbEröffnung

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich freue mich sehr, heute einen Beitrag zu dieser wichtigen Konferenz leisten zu dürfen. Ich möchte den Organisatoren sehr herzlich für ihre freundliche Einladung danken.

Seit etwa 4 Jahren beschäftige ich mich als Soziologe mit dem Innenleben und den zivilen Beziehungen bewaffneter Gruppen im Ostkongo, um die Ursachen von Gewalt gegen die Zivilbevölkerung zu verstehen. Gewalt gegen Nichtkombattanten und ihre Lebensbedingungen ist nur eine der Folgen dieses Krieges, aber eine, die uns besonders schreckt, weil die Asymmetrie dieser Gewaltsituation so offensichtlich gegen eine Vorstellung von Moral verstößt.

Was bewegt eine bewaffnete Gruppe dazu, unbewaffnete Zivilisten, die keine unmittelbare Bedrohung darstellen, zu verletzen oder ihnen ihre Lebensgrundlage zu nehmen? Oder andersherum gefragt: Was hält sie davon ab? Was sind die Bedingungen des Gewaltverzichts, von Frieden – in einem sehr grundlegenden Sinne?

Um eine Antwort auf diese Fragen zu erhalten, habe ich u. a. 39 Interviews mit ehemaligen Kämpfern in Nord-Kivu und Ituri geführt; vorwiegend mit Mitgliedern der APCLS, der FDLR, der FRPI. Einige meiner Befunde möchte ich heute mit ihnen teilen.

Krieg als kollektive und organisierte Gewalt

[Folie: Krieg als organisierte Gewalt]

Als Soziologe verstehe ich unter Krieg den kollektiven und organisierten Einsatz potenziell tödlicher Gewalt gegen ein anderes Kollektiv. Krieg bricht nicht einfach aus, wenn bestimmte Bedingungen gegeben sind; Armut, eine ethnisierte Politik, politische Instabilität oder leicht auszubeutende natürliche Ressourcen.

Krieg bricht aus, weil er organisiert wird; ein oder mehrere Individuen entscheiden bewusst, dass und wie eine kriegsfähige Gruppe gebildet und ausgestattet wird, und wie deren Mitglieder denken und handeln sollen.

Wenn wir verstehen möchten, warum und wie Krieg geführt oder von Kriegsakteuren auf Gewalt verzichtet wird, müssen wir deshalb verstehen, wie diese Kollektive funktionieren und welche Aspekte ihres Aufbaus und ihrer Kultur die „Produktion“ von Gewalt beeinflussen.

Im Osten des Kongo, wie in den meisten bewaffneten Konflikten südlich der Sahara, prägen nichtstaatliche bewaffnete Gruppen das Kriegsgeschehen. Erhebungen des UNHCR zufolge, sind sie heute die hauptsächlichen Verursacher von Menschenrechtsverletzungen im Kongo.

(In meinem kurzen Beitrag möchte ich Ihnen (1.) einen kurzen Einblick in Gemeinsamkeiten und Unterschiede nicht-staatlicher bewaffneter Gruppen im Kongo geben und (2.) verschiedene Mechanismen aufzeigen, die die Gewalt dieser Gruppen gegen die Zivilbevölkerung erhöhen und vermindern. Die Vielzahl und die Vielfalt der Akteure legt (3.) die Vermutung nahe, dass die Bedingungen für das Scheitern des Friedensprozesses im Ostkongo sehr allgemeine sind.)

[Folie: Karte nichtstaatlicher bewaffneter Gruppen]

Merkmale nichtstaatlicher bewaffneter Gruppen

Derzeit sind im Ostkongo etwa 50 nichtstaatliche bewaffnete Gruppen aktiv. Wie alle Organisationen, sind auch diese gegründet worden – und zwar für einen bestimmten Zweck. Danach lassen sich drei Typen von bewaffneten Gruppen unterscheiden: Es gibt (1.) ausländische Rebellengruppen, deren Ziel die politische Einflussnahme in einem anderen Staat ist; (2.) Milizen zur Verteidigung einer kongolesischen Bevölkerungsgruppe, auch als Selbstverteidigungsgruppen bezeichnet; und (3.) Warlord-Organisationen, die primär die persönliche Bereicherung eines „homme fort“ zum Ziel haben.

Neben den Zielen bildet das militärische Know-how der Organisationsgründer eine wichtige Ausgangslage für die organisatorische Gestaltung bewaffneter Gruppen. Einige bewaffnete Gruppen haben sich aus staatlichen Streitkräften heraus entwickelt und deren formale Organisation und Kultur beibehalten. Beispiele sind die FDLR, der CNDP und die M23.

Demgegenüber spielen in Milizen, die aus der zivilen Gesellschaft entstanden sind, informelle Aspekte eine große Rolle. Häufig sind sie um eine bestimmte Person – nicht um eine Position – herum strukturiert. Allgemein spielen formale, personenunabhängige Regeln, wie sie für das Militär typisch sind, in ihnen eine kleinere Rolle. Aber auch in diesen Gruppen gibt es Personen, die militärische Expertise besitzen. Denn beinahe 20 Jahre Krieg haben ein besonderes Erbe hinterlassen: Es gibt sehr viele, die wissen, wie Krieg organisiert wird; und ebenso viele Waffen.

Neben diesen Unterschieden in der Zwecksetzung und im Formalisierungsgrad teilen viele bewaffnete Gruppen im Ostkongo auch Gemeinsamkeiten, von denen ich in aller Kürze einige wichtige anführen möchte:

(1.) Die Mehrheit der bewaffneten Gruppen ist mit 100 bis 500 Kämpfern vergleichsweise klein. (Die FDLR und die nunmehr besiegte M23 stellen seltene Ausnahmen von dieser Regel dar.)

(2.) Die meisten bewaffneten Gruppen sind, sofern sie nicht militärisch stark unter Druck gesetzt werden, stationär und verfolgen keine expansive Strategie. Sie sind über Jahre in einem Radius von 10-20 km aktiv. Eine Ausnahme von dieser Regel stellen beispielsweise die Raïa Mutomboki dar, ein loses Bündnis von Selbstverteidigungsgruppen, die seit 2012 vergleichsweise offensiv gegen die FDLR und ihre zivilen Unterstützer vorgehen.

(3.) Regelmäßig werden bewaffnete Gruppen – das ist eine weitere Gemeinsamkeit – von Mitgliedern der politischen und militärischen Elite unterstützt oder sogar gebildet, die darin eine Stärkung ihrer eigenen Machtposition sehen. Die Militarisierung der Politik ist eine zentrale Komponente des Milizen-Problems im Ostkongo.

(4.) Während die Eliten und manche – aber keinesfalls alle – Führer bewaffneter Gruppen materiell vom Krieg profitieren, in dem sie den Handel besteuern, den Abbau wertvoller Ressourcen kontrollieren oder einen lukrativen Deal mit der Regierung schließen, leben die einfachen Kämpfer überwiegend unter einfachsten bis miserablen Bedingungen. Einen Großteil ihrer Zeit verbringen sie mit der Nahrungsbeschaffung; es fehlt an Kleidung, Seife, Medizin. Einen Sold erhält unter den niedrigen Rängen kaum jemand. Der Mangel und die Perspektivlosigkeit sind dementsprechend Hauptmotive für den Austritt oder die Flucht.

Gewalt gegen Nichtkombattanten

Bewaffnete Gruppen sind auf verschiedene Art und Weise mit ihrer sozialen Umwelt verflochten; über ihren Bedarf an Lebensmitteln und anderen Handelsgütern, an Informationen über Feindesaktivitäten und Waffen, über soziale Beziehungen zu Familien, Freunden, Geliebten, sowie über Traditionen und religiöse Vorstellungen.

Auch Gewalt spielt in diesen Beziehungen eine Rolle. Wenn man sich das vorhandene (dünne) Datenmaterial über die Menschenrechtsverletzungen bewaffneter Gruppen im Ostkongo und in anderen Bürgerkriegen ansieht, fällt jedoch auf, dass sich bewaffnete Gruppen sowohl in der Häufigkeit der Übergriffe auf Zivilisten als auch in der Qualität der Gewalt deutlich voneinander unterscheiden.

(Lassen Sie mich das anhand von drei bewaffneten Gruppen und Daten aus dem Protection Monitoring-System des UNHCR in Nord-Kivu und Ituri illustrieren:

[Folie: UNHCR-PM APCLS, FDLR, FRPI])

Wie lassen sich solche Unterschiede erklären? Ich möchte ihnen drei zentrale Mechanismen berichten, auf die ich in meiner Arbeit gestoßen bin.

[Folie: Drei Mechanismen]

Es wird häufig argumentiert, dass die Brutalität nichtstaatlicher bewaffneter Gruppen daraus resultiere, dass sie typischerweise desorganisiert und die Kämpfer unprofessionell und undiszipliniert seien; dass die Gewalt mithin das Ergebnis ungeplanter Gruppendynamiken sei. Auch ich bin mit dieser Erwartung an meine Forschung herangegangen.

Tatsächlich sind die meisten Menschenrechtsverletzungen jedoch geplant und zielorientiert, mit anderen Worten: sie werden organisiert. Die Ziele sind freilich unterschiedliche: Typisch für die FDLR sind brutale Racheakte, die zum Ziel haben, die Bevölkerung von der Kollaboration mit Feinden abzuschrecken. Selektive Exekutionen und Zerstörungen der FRPI hatten in den vergangenen Jahren mehrfach vermeintliche Hexer zum Ziel, die vom docteur der Gruppe identifiziert und für militärisches Unglück verantwortlich gemacht worden sind. Hingegen strebte Sheka, ein zum Warlord aufgestiegener Minenunternehmer, mit einer Massenvergewaltigung im Jahr 2010 eine Erhöhung seiner Sichtbarkeit und damit eine Stärkung seiner Verhandlungsposition an. Janvier, der Führer der APCLS, schließt Gewalt gegen Zivilisten im Gegenteil prinzipiell aus.

Der zweite Mechanismus ist in den Kampftaktiken angelegt, die von einer Gruppe gewählt werden. Nächtliche Kämpfe in bewohnten Gebieten z. B. führen häufig zur Verletzung von Zivilisten, weil sie überhaupt anwesend sind und die Sicht der Kämpfer eingeschränkt ist. Einige bewaffnete Gruppen bemühen sich jedoch, „Kollateralschäden“ zu vermeiden, indem sie die Bevölkerung z. B. vorwarnen oder ihren Gegner bewusst in ein unbewohntes Gebiet locken.

Der dritte Mechanismus ist individuelle, nicht-befohlene Gewalt im Rahmen von und, mehr noch, außerhalb von militärischen Operationen. In einem gewissen Sinne: Gewaltkriminalität. Viele Morde sind das Ergebnis von Streitereien, z. B. in Kneipen, die eskalieren. Raub und Diebstahl sind ebenfalls häufig persönlich motivierte Ereignisse. In den allermeisten Gruppen wird der autonome, nicht-befohlene Einsatz von Gewalt gegen Nichtkombattanten jedoch nicht hingenommen und mitunter sehr schwer bestraft; wenn auch mit variabler Konsequenz.

Mechanismen, die Gewalt verhindern

Wenn das Gros der Gewalt durch bewaffnete Gruppen das Ergebnis bewusster Entscheidungen anstatt von Kontrollverlust und spontanen Gruppendynamiken ist, stellt sich die Frage, welche Faktoren Gewalt gegen Nichtkombattanten als eine wenig attraktive oder als keine Option erscheinen lassen.

[Drei weitere Stichpunkte einblenden]

Eine der ersten Beobachtungen, die ich in meinen Gesprächen mit ehemaligen Kämpfern der FDLR machte, war, dass die „Moral“ der FDLR offenbar eine räumliche Dimension hat. Es gibt keinen grundsätzlichen Einwand, der gegen das mitunter gewalttätige Plündern von Dörfern zur Versorgung spricht, aber das Gebot, dies nur in einer gewissen Entfernung – von etwa zwei Tagesmärschen – zu tun. Hinter dieser Logik steckt die vitale Abhängigkeit bewaffneter Gruppen von der lokalen Bevölkerung.

Andere – eben nicht-ausländische – bewaffnete Gruppen folgen weniger pragmatischen Überlegungen. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit, sei es zu einer ethnischen oder nationalen Gemeinschaft, wirkt häufig als Begrenzer von Gewalt. Mit jeder Grenze wird jedoch auch ein Jenseits gedacht; zu jedem „Wir“ gibt es ein „die anderen/Fremden“. Das kann sich zum Beispiel in der Behandlung von Kriegsgefangenen ausdrücken. Sie sagen: Wir töten keinen Kriegsgefangen ­– außer er ist ein soundso, kein Kongolese etc. Die allermeisten Gruppen haben eine partikulare Moral, die ihre Zugehörigkeit reflektiert; es gibt jedoch große Unterschiede in der Konsequenz, mit der sie befolgt wird, und darin, wie weit sie reicht.

Auch der Glaube an Ahnengeister kann die Gewaltbereitschaft beeinflussen. Einzelne Kämpfer, die sich als Verteidiger ihres Gemeinwesens und insbesondere seines Bodens sahen, erläuterten etwa, dass ihre Ahnen, denen das Land gehörte, nicht akzeptieren würden, wenn sie sie sich gegen die dortige Bevölkerung wendeten.

Religiöse Vorstellungen spielen auch im Zusammenhang mit den magischen Praktiken eine Rolle, die den Mai-Mai ihren Namen geben. Die Wirksamkeit des dawa, das vom docteur der Gruppe verabreicht wird, um den Kämpfern Unverwundbarkeit und Furchtlosigkeit zu geben, ist immer an Bedingungen geknüpft. Regelmäßig etwa an das Verbot zu stehlen, oder zu schweigen. Das wirkt disziplinierend.

In einem Kontext, in dem Gewalt gegen Nichtkombattanten meist strategisch eingesetzt wird, scheinen Praktiken und Vorstellungen, die häufig als vormodern bezeichnet und mit einer schonungslosen Kriegführung in Verbindung gebracht werden, als starke Begrenzer von Gewalt wirken zu können. (Hingegen erweisen sich bürokratische Organisation und Disziplin, die für die Soziologie herausragende Kennzeichen der Moderne sind, vielfach als kalte Gewaltinstrumente. – In Westeuropa haben wir diese dunkle Seite der Moderne nur zu gut kennengelernt.)

Schluss

Einige der Mechanismen, die die Gewalt bewaffneter Gruppen gegen die Zivilbevölkerung begrenzen, erklären auch den historischen Rückgang der Gewalt in weiten Teilen der Welt im Laufe der letzten Jahrhunderte; von kriegerischer ebenso wie von privater Gewalt.

In seinem viel diskutierten und zustimmend aufgenommenen Buch über die Geschichte der Gewalt argumentiert der Psychologe Stephen Pinker überzeugend, dass der Rückgang der Gewalt in der Neuzeit zwar auch ein Ergebnis der Aufklärung ist, aber mehr noch mit zwei weniger edlen Veränderungen des menschlichen Zusammenlebens zu tun hat: (1.) Dem Wachstum der Staatsgewalt – zentralisierter Gebietsherrschaften mit Gewaltmonopol - und (2.) mit der wirtschaftlichen Verflechtung der Menschen. Beide Konstellationen entwerten die Option der Gewaltanwendung gegenüber der Alternative, auf Gewalt zu verzichten.

[Folie: Pinker-Diagramm und Mechanismen]

Wahrscheinlich lässt sich Gewalt zuverlässig nur durch Gegengewalt einhegen. Denn das große Problem ist dieses: Es braucht nur einige wenige gewaltbereite Individuen mit etwas Zerstörungstechnik – z. B. einer Kalaschnikow –, um eine vielfache Zahl an friedenssuchenden Menschen zu dominieren, oder in die ebenfalls gewalttätige Verteidigung zu zwingen. Pinker nennt dies das Dilemma der Pazifisten.

Nach 20 Jahren Kriegszustand gibt es von alldem im Kongo genug: Es gibt Männer, die gelernt haben, Gewalt zu tolerieren oder gar zu schätzen und zu organisieren. Es gibt erschwingliche Kleinwaffen. Eine schlechte Regierungsarbeit, gerade im Bereich der Sicherheit, und unter Bedingungen der Armut und allgemeiner Perspektivlosigkeit, macht es einfach, junge Männer für Milizen und Rebellionen zu mobilisieren. Sie haben wenig zu verlieren.

Selbst wenn ich gerne daran glauben würde, dass sich Menschen durch ethische oder religiöse Argumente zum Frieden überzeugen lassen, bin ich skeptisch. Der Blick in die Geschichte und meine Forschung lassen mich annehmen, dass (auch) Entscheidungen über Gewalt in der Regel praktisch-vernünftige Entscheidungen sind.

Jenseits der Grenzen der kleinen Lebensgemeinschaften, in denen wir unsere Identität ausbilden und unseren Alltag gestalten, nimmt das emotional unterfütterte Pflichtgefühl ab und Moral wird zunehmend zur Vernunftgelegenheit. – Und damit prekär.

Meine Befürchtung ist, dass der Amoral kriegerischer Gewalt nachhaltig nicht mit moralischen Apellen, sondern allenfalls mit einer Praxis des Zusammenlebens, ja, auch der Macht begegnet werden kann.

Internationales Jahr der Familie / Année internationale de la Famille

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